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Plötzlich war nichts mehr sicher.

23. Aug.
8 Min. Lesezeit

Wir waren am richtigen Ort – und trotzdem war plötzlich nichts mehr sicher.



Unsere ersten Jahre auf Madeira – über finanzielle Ängste, neue Wege und die Erfahrung, dass manchmal erst durchs Machen neue Möglichkeiten entstehen.


Im ersten Teil unserer Geschichte haben wir euch erzählt, wie wir uns für Madeira entschieden haben, obwohl wir die Insel noch gar nicht kannten. Wie wir unser Haus in Deutschland verkauften. Wie wir unser Zuhause auf Madeira fanden. Und wie wir am 27. Dezember 2022 schließlich hier ankamen.


Wir dachten damals:

Jetzt beginnt unser neues Leben.

Und das tat es auch.

Nur ganz anders, als wir vielleicht erwartet hatten.


Daniela – Ich glaube, ich habe Freiheit noch nie so intensiv gespürt


Trotz allem, was in unseren ersten Jahren passiert ist, möchte ich eines ganz klar sagen:

Wir haben unsere Entscheidung für Madeira nie bereut. Nie.

Es gab nicht diesen Moment, in dem Ralf und ich uns angeschaut und gesagt haben:

„Oh Gott. Was haben wir gemacht? Lass uns zurückgehen.“


Im Gegenteil.


Da war diese unglaubliche Schönheit. Das Meer. Die Natur. Dieses Licht.

Und für mich vor allem dieses Gefühl:


Wir laufen jetzt für uns. Wir entscheiden. Wir gestalten. Wir dürfen herausfinden, wie unser Leben aussehen soll.

Natürlich bedeutete das auch, dass niemand anderes mehr dafür verantwortlich war. Und vielleicht haben wir am Anfang noch gar nicht verstanden, was Selbstbestimmung wirklich bedeutet.

Denn Selbstbestimmung fühlt sich wunderschön an.

Aber sie bedeutet eben auch: Jetzt bist du dran.



Ralf – Plötzlich war mein Kalender leer


Mein Leben in Deutschland war jahrelang sehr stark durch meine Arbeit bestimmt gewesen.

Morgens früh los. Abends spät nach Hause. Termine. Verpflichtungen. Immer etwas zu tun.

Genau aus dieser Form von Leben wollte ich heraus.


Und dann waren wir auf Madeira.


Und plötzlich war da: nichts.

Keine Arbeit. Kein vorgegebener Tagesablauf. Kein Chef, kein System und keine Struktur, die mir sagte, was als Nächstes zu tun war.


Eigentlich genau das, was ich gewollt hatte.

Nur stellte sich ziemlich schnell eine neue Frage:

Was will ich stattdessen?

Und darauf hatte ich nicht sofort eine Antwort.



Daniela – Und ich wollte ihm diese Zeit lassen


Für mich war vollkommen klar:

Ich werde Ralf jetzt nicht sagen:

„Dann such dir halt irgendeinen Job.“

Denn genau das wollten wir nicht mehr. Wir waren doch nicht aus unserem alten Leben ausgestiegen, damit wir uns auf Madeira sofort das gleiche System wieder aufbauen.


Ich wusste, dass Ralf Zeit brauchte. Dass wir beide Zeit brauchten.

Wir waren nicht einfach nur umgezogen.

Wir waren entwurzelt.

Auch beruflich. Auch innerlich.

Wir mussten erst einmal herausfinden:

Wer sind wir eigentlich, wenn das Alte nicht mehr da ist?

Also habe ich Ralf gelassen. Ich habe keinen Druck gemacht.

Zumindest nicht bewusst.



Ralf – Den Druck konnte ich mir auch selbst machen


Natürlich war es schön, dass Daniela mich nicht gedrängt hat. Aber deshalb war der Druck nicht weg.

Ich hatte eine Familie. Ich war es gewohnt, zu arbeiten. Ich war es gewohnt, meinen Teil beizutragen und für meine Familie zu sorgen.


Und jetzt wusste ich selbst nicht genau, wohin mein beruflicher Weg gehen sollte.

Am Anfang war das noch okay. Wir hatten unsere Entscheidung getroffen, wir waren angekommen und mussten uns sortieren.


Aber mit der Zeit wurde das Geld knapper.

Und aus einem: „Wir finden unseren Weg.“

wurde irgendwann zusätzlich die ganz praktische Frage: Wie lange können wir uns diese Findungsphase eigentlich leisten?



Daniela – Und irgendwann begann ich, mehr zu tragen, als mir bewusst war


Mein eigenes Business hatte ich natürlich genauso entwurzelt.

Ich hatte meine spirituelle Arbeit. Meine Coachings. Meine Massagen. All die Dinge, die ich von Herzen gerne machte.


Und ich glaube, irgendwo in mir entstand irgendwann der Gedanke:

Dann muss eben mein Herzensbusiness uns tragen.

Heute sehe ich, was für einen Druck ich damit darauf gelegt habe.

Etwas, das eigentlich aus Verbindung, Freude, Intuition und meiner Arbeit mit Menschen entstehen sollte, musste plötzlich funktionieren.


Es musste Geld bringen. Es musste Sicherheit schaffen. Es musste uns tragen.

Und natürlich konnte es unter diesem Druck kaum frei fließen.


Gleichzeitig begann ich unbewusst, immer mehr Verantwortung zu übernehmen. Ralf verlangte das nicht von mir. Im Gegenteil. Aber ich tat es trotzdem.

Und irgendwann merkte ich, dass sich diese ganze Verantwortung auch in meinem Körper sammelte.

Damals konnte ich das noch nicht so klar sehen wie heute.

Heute weiß ich:

Auch ich war mitten in meiner eigenen Findungsphase.



Ralf – Irgendwann wurde aus „knapp“ wirklich knapp


Wir beide kannten auch aus Deutschland Zeiten, in denen Geld nicht einfach unbegrenzt zur Verfügung stand.

Aber das hier war noch einmal eine andere Hausnummer.

Wir mussten wirklich überlegen:

Was kaufen wir ein? Wie füllen wir unseren Kühlschrank?


Ein Auto konnten wir uns nicht leisten. Und unser Zuhause liegt oben am Berg.

Das bedeutete: Viel zu Fuß. Sehr viel.


Größere Einkäufe machten wir mit dem Bus. Wenn es gar nicht anders ging, mieteten wir uns selten einmal ein Auto.


Heute haben wir ein Auto und unsere eigenen Markttische und vieles ist selbstverständlich geworden.

Damals war es das nicht.



Daniela – Und trotzdem schaute ich hinaus und dachte: Wir sind richtig


Das ist vielleicht das Verrückteste an dieser Zeit.

Da war diese finanzielle Angst. Und die war real. Wir mussten überlegen, was wir in den Kühlschrank legen.

Und gleichzeitig konnte ich morgens nach draußen gehen, auf das Meer schauen, die Natur sehen und in mir war: Wir sind richtig.


Beides existierte gleichzeitig.

Existenzangst und Freiheit.

Unsicherheit und dieses tiefe Wissen, am richtigen Ort zu sein.


Ich glaube, genau deshalb haben wir Madeira nie infrage gestellt. Nicht einmal in den Momenten, in denen wir keine Ahnung hatten, wie es weitergehen sollte.


Die Frage war nie: „War Madeira ein Fehler?“

Die Frage war: „Okay. Wie machen wir jetzt weiter?“



Ralf – Und irgendwann hatten wir eine Idee


Wir kannten bereits einen Markt hier auf Madeira.

Und irgendwann hatten wir beide den Gedanken:

Warum gehen wir nicht auf den Markt?


Die nächste Frage war natürlich:

Mit was?

Großartig viel hatten wir nicht.

Aber Daniela hatte etwas aus Deutschland mitgebracht.

Ihre Heilsteine.



Daniela – Meine Heilsteinekiste


Ich habe Pflanzen schon immer geliebt. Aber genauso lange begleiten mich Heilsteine.

Schon in Deutschland hatte ich Malaketten und Healing-Ketten hergestellt. Und als wir ausgewandert sind, hatte ich meine ganze Heilsteinekiste mitgenommen.


Steine. Perlen. Material.

Alles war da.


Nicht, weil wir geplant hatten, daraus auf Madeira ein Business zu machen. Ich hatte es einfach mitgenommen.

Und plötzlich schauten wir diese Sachen an und dachten:

Das könnten wir verkaufen. Wir könnten Ketten machen. Wir könnten auf den Markt gehen.

Nur hatten wir immer noch kein Auto.



Ralf – „Morgen laufen wir hoch.“


Wir hätten jetzt natürlich viele Gründe finden können, warum es nicht geht.

Kein Auto. Kein richtiger Stand. Keine Erfahrung mit diesem Markt. Keine Ahnung, ob irgendjemand unsere Ketten kaufen würde.


Und wahrscheinlich hätten wir noch zehn weitere Gründe gefunden.

Aber irgendwann war für mich klar: Wir machen es jetzt einfach.

Ich sagte zu Daniela: „Morgen laufen wir hoch. Egal was passiert. Wir laufen hoch.“


Wir wussten nicht, was uns erwartet.

Aber wir wussten: Wenn wir nicht losgehen, werden wir es auch nicht herausfinden.



Daniela – Zwei Rucksäcke und eine geliehene Tischdecke


Ich sehe uns heute noch.

Wir hatten zwei Rucksäcke. Unsere Sachen. Unsere Ketten. Und eine Tischdecke.

Nicht einmal die gehörte uns. 😄

Die hatten wir von unserem Nachbarn ausgeliehen.


Und damit sind wir losgelaufen.

Zu Fuß.


Ungefähr eine Dreiviertelstunde bergauf.

Mit unserem ganzen Zeug auf dem Rücken.

Es war sehr anstrengend. Und wir hatten überhaupt keine Ahnung, was wir da eigentlich machten.

Aber wir liefen.



Ralf – Unser erster „Marktstand“


Als wir ankamen, gab es dort keine schönen eigenen Tische, wie wir sie heute haben.

Es waren Paletten, aus denen Tische gebaut worden waren.

Das war unser Stand.


Palette. Geliehene Tischdecke. Unsere Ketten. Fertig.


Im Vergleich zu unserem heutigen Stand war das natürlich sehr einfach.

Aber damals war es das, was wir hatten.

Also haben wir genau damit angefangen.



Daniela – Und dann haben wir tatsächlich etwas verkauft


Ich weiß noch genau, wie sich das angefühlt hat.

Jemand kaufte etwas von uns.

Und in mir war nur:

Wow! Wir haben etwas verkauft.

Etwas, das ich mit meinen Händen gemacht hatte.


Am Ende dieses ersten Markttages hatten wir: 20 Euro eingenommen.

Die Standgebühr betrug: 10 Euro.


Rein wirtschaftlich betrachtet war unser großer Durchbruch also noch überschaubar. 😄

Aber für uns fühlte es sich trotzdem groß an.


Denn da waren 10 Euro, die vorher nicht da gewesen waren.

Und in einer Zeit, in der man überlegen muss, wie man seinen Kühlschrank füllt, können 10 Euro etwas bedeuten.



Ralf – Beim zweiten Mal lief es noch schlechter


Beim zweiten Markt verdienten wir gar nichts.

Mit der Standgebühr gingen wir also sogar ins Minus.

Danach waren es vielleicht einmal 40 Euro. Dann 60 Euro.


Es ging nicht plötzlich steil bergauf. Überhaupt nicht.

Wir kamen nicht nach Hause und sagten:

„Das ist es! Damit verdienen wir jetzt unseren Lebensunterhalt.“


Aber etwas anderes passierte.

Wir merkten:

Wir können etwas tun. Wir können ausprobieren. Wir können verändern. Wir können morgen wieder hingehen.



Daniela – Jeder Verkauf war riesig


Das kann ich heute kaum noch beschreiben.

Heute stehen wir auf dem Markt mit unseren Produkten, unseren eigenen Tischen, unserem Design und all den Dingen, die über die Jahre entstanden sind.


Aber damals?

Wenn jemand eine Kette gekauft hat, war das: Wow.


Da war nicht dieses: Okay, ein Verkauf.

Es war: Jemand möchte etwas haben, das ich gemacht habe.


Und ja, manchmal bedeutete dieser Verkauf auch ganz praktisch:

Davon können wir jetzt etwas zu essen kaufen.


Das klingt dramatisch.

Aber teilweise war es das.

Und gleichzeitig habe ich diese Zeit nicht nur als schlimm in Erinnerung. Ganz im Gegenteil.

Denn wir haben plötzlich Seiten an uns entdeckt, die vielleicht nie zum Vorschein gekommen wären, wenn alles bequem gewesen wäre.



Ralf – Also haben wir angefangen zu verbessern


Der erste Stand war sehr einfach.

Also haben wir geschaut:

Was können wir besser machen?


Nicht: Was könnten wir kaufen, wenn wir viel Geld hätten?

Sondern: Was können wir mit dem machen, was gerade da ist?


Wir nahmen Restholz und bauten daraus Aufsteller für die Ketten. Wir überlegten, wie wir unseren Tisch schöner gestalten können.


Unser Nachbar half uns. Manchmal konnten wir sein Auto nutzen beziehungsweise er fuhr uns zum Markt und holte uns später wieder ab.


Stück für Stück wurde es einfacher.

Und Stück für Stück wurde unser Stand schöner.



Daniela – Und genau das machen wir bis heute


Wenn ich heute darüber nachdenke, muss ich lächeln.

Denn eigentlich hat sich an einer Sache gar nicht so viel verändert.


Wir schauen heute noch ständig:

Was können wir schöner machen? Was können wir verbessern? Wie können wir unsere Produkte weiterentwickeln? Wie kann unser Stand noch mehr nach uns aussehen?


Heute verändern wir Etiketten. Wir entwickeln neue Designs. Wir bauen unsere Produkte weiter aus.

Damals haben wir aus Restholz einen Kettenständer gebaut.

Die Möglichkeiten sind andere geworden.


Aber die Haltung ist geblieben:

Wir arbeiten mit dem, was da ist – und entwickeln es weiter.



Ralf – Durchs Machen kamen die nächsten Schritte


Ich glaube, das war eine der wichtigsten Erfahrungen dieser Zeit.


Wir wussten vorher nicht, wie es funktionieren würde. Wir hatten keinen fertigen Plan.


Aber durchs Machen kamen neue Ideen. Neue Kontakte. Neue Möglichkeiten.

Und auch neue Fähigkeiten.


Hätten wir gewartet, bis wir einen perfekten Marktstand, ein Auto, genügend Geld und einen vollständigen Businessplan gehabt hätten, wären wir wahrscheinlich nie losgegangen.


Stattdessen hatten wir:

Zwei Rucksäcke.

Eine geliehene Tischdecke.

Ein paar selbstgemachte Ketten.

Und die Entscheidung:

Morgen gehen wir.



Daniela – Wir haben schon gewonnen


Und daraus entstand ein Satz, der uns bis heute begleitet.

Auch wenn ein Markttag schlecht lief. Auch wenn wir kaum etwas verkauften. Sogar wenn wir mit null oder einem Minus nach Hause gingen.


Wir sagten:

„Wir haben schon gewonnen, weil wir es durchgezogen haben.“

Und das meine ich bis heute genauso.


Natürlich müssen wir Geld verdienen. Natürlich dürfen wir wachsen. Natürlich möchten wir erfolgreich sein.

Aber manchmal liegt der erste Erfolg nicht im Ergebnis.


Sondern darin, dass man überhaupt losgegangen ist.

Dass man sich gezeigt hat.

Dass man etwas ausprobiert hat.

Dass man nach einem schlechten Tag wiederkommt.



Wir beide – Wir waren losgelaufen


Wenn wir heute auf diese ersten Markttage zurückblicken, sehen wir natürlich den Unterschied.


Heute haben wir eigene Tische. Einen Stand, den wir immer wieder verändern und schöner machen. Wir haben über die Jahre so viel gelernt.

Aber damals wussten wir nichts davon.

Wir wussten nicht, was einmal entstehen würde. Wir wussten nicht, welche Produkte irgendwann auf unseren Tischen stehen würden.


Und wir hatten keine Ahnung, wohin uns diese ersten Markttage führen würden.

Wir hatten zwei Rucksäcke.

Eine geliehene Tischdecke.

Eine Kiste voller Heilsteine.

Und uns beide.


Vielleicht war das damals genug.

Denn wir hatten angefangen, wieder selbst zu gestalten.


Nicht darauf zu warten, dass jemand unser Leben für uns löst.

Sondern mit dem zu arbeiten, was gerade da war und Schritt für Schritt herauszufinden, was daraus entstehen könnte.


Wir wussten noch nicht genau, wohin wir liefen.

Aber wir waren losgelaufen.

Und manchmal ist genau das der Anfang.


Von Herzen

Daniela & Ralf

Encanto da Madeira


 
 
 

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